Erinnerungen.
Verwirkte Jahreszeiten,
schicksalsverschlungen.
Kennst du die japanische Haiku-Dichtung? Kurze Momente, eingefangen in drei Zeilen mit insgesamt 17 Silben? Reduziert auf das Wesentliche und trotzdem bildgewaltig? Das ist der Reiz des Haiku, der kürzesten Form des lyrischen Ausdrucks.
Es braucht nicht viel, um besondere Augenblicke festzuhalten. Du findest sie überall — beim Blick aus dem Fenster, bei einer Wanderung, beim Spielen mit deinen Kindern, beim Spaziergang mit deinem Hund, bei einer Auto- oder Zugfahrt, bei der Erinnerung an ein schönes Erlebnis. Öffne nicht nur deine Augen, sondern auch dein Herz und all deine Sinne. Siehst du den Zitronenfalter, der von Blume zu Blume flattert? Die Biene in der lockenden Blüte? Die weißen Wolken, wie mit einem Pinsel ins strahlende Blau des Himmels getupft? Die blaue Feder des Eichelhähers, die vor deinen Füßen liegt (es soll übrigens Glück bringen, sie zu finden!)? Hörst du das Lied der Amsel? Das Plätschern der kleinen Wellen am Ufer des Sees? Das Keckern der Elster? Fühlst du, wie kühl und glatt der schön gemaserte Stein in deiner Hand liegt, den du soeben vom Boden aufgehoben hast? Wie weich die Moospolster sind? Und wie erfrischend kühl das Wasser des Baches deine Füße umspielt? Nimmst du die zauberhafte Morgenstimmung bewusst wahr, die über der Stadt liegt, bevor sie zum Leben erwacht? Das Abendrot, mit dem sich die Sonne verabschiedet? Den Sternenhimmel und die verschiedenen Phasen des Mondes? Den geheimnisvollen Vollmond? Erinnerst du dich an das Gefühl, als du zum letzten Mal am Meer warst? An das Rauschen der Wellen und an den salzigen Geschmack auf deinen Lippen? An den Duft der gegrillten Fische? An das geschäftige Treiben im Hafen und an das Tuten der Schiffe? Denkst du an Menschen, die dir begegnet sind? Die deinen Weg gekreuzt oder eine Zeit lang begleitet haben? An ein besonderes Lächeln oder an Worte, die du niemals vergessen wirst?
All das sind Haiku-Momente. Winzige Auszeiten im Trubel des Alltags. Flüchtige Augenblicke, in Worte gefasst. Poesie in drei Zeilen. Denn jeder Moment, der dich berührt, ist ein Haiku-Moment! Du musst ihn nur erkennen und festhalten.
Ich gehe hier nicht auf die Geschichte der Haiku-Dichtung ein. Erwähnen möchte ich aber, dass diese Gedichtform bereits im 16. Jahrhundert in Japan entstanden ist und sich über die Jahrhunderte hinweg erhalten hat — lebendige Tradition, geprägt vom Zen. Übersetzungen aus der Ursprungssprache fallen meistens kürzer aus, da die japanischen Silben, die Moren, nicht mit unseren Silben übereinstimmen. Die Haiku-Dichtung ist auch moderner geworden und löst sich von der starren 17-Silben-Regelung, wenn der Sprachfluss dadurch melodiöser wird.
Im klassischen Haiku finden wir fünf Silben in der ersten Zeile, sieben in der zweiten und wieder fünf Silben in der dritten Zeile (5 – 7 – 5). Du kannst Zeilen tauschen bzw. anders anordnen ( 5 – 5 – 7 oder 7 – 5 – 5), du kannst die Silbenzahl variieren (6 – 7 – 5 oder 5 – 6 – 5 oder 7 – 5 – 7). Vertrau auf dein Sprachgefühl! Du wirst sehen: Es macht nicht nur Spaß, mit den Silben zu spielen und Haiku zu schreiben, es macht süchtig! Auf einmal wirst du überall Haiku-Momente finden …
Der Einfachheit halber spreche ich hier vom Haiku (Plural: Haiku oder Haikus). Das klassische Haiku bezieht sich stets auf die Jahreszeiten und auf die Natur, während im ebenfalls dreizeiligen Senryū Gefühlsmomente eingefangen werden. Doch so, wie du in der freien Haiku-Dichtung nicht unbedingt die 17-Silben-Regelung einhalten musst, verschwimmen auch hier die Grenzen.
Beschäftigt man sich mit der japanischen Dichtkunst, darf das Tanka nicht unerwähnt bleiben. Du fragst dich, was das ist? Es ist ein fünfzeiliges Gedicht — quasi ein verlängertes Haiku — im Silbenmuster 5 – 7 – 5 – 7 – 7 und besteht aus insgesamt 31 Silben. Die ersten drei Zeilen entsprechen also dem klassischen Haiku. Dein Gedanke ist zu lang für ein Haiku? Dann häng zwei Zeilen an und mach ein Tanka draus. Dein Gedanke ist zu kurz für ein Haiku? Ich will dich nicht verwirren, aber ein Haiku kann auch nur aus zwei Zeilen bestehen. Oder gar nur aus einer Zeile, dann heißt es Monoku.
Haiku? Senryū? Tanka? Monoku? Egal. Freu dich am Silbenspiel und hab Spaß dabei!
Und denk daran: Die Haiku-Dichtung kann süchtig machen!
Ich lass’ dir ein sommerliches Haiku da:
Rosenzauberduft
im goldenen Abendlicht.
Sommertag vergeht.
Deine Gudrun Winklhofer